
Mitten in der Nacht
ist mein Sohn erwacht.
Er liegt Stund um Stund
leidend, seelenwund,
angstvoll und in Pein
mit sich ganz allein.
Hörst du, wie er greint?
O, mein Sohn, er weint,
weint ins Kissen weich
blass und totenbleich.
Leise steht er auf,
kommt nach kurzem Lauf
auf den Viadukt –
Seine Hüfte zuckt,
federnd wippt das Bein
in des Mondes Schein.
In der tiefen Schlucht
er das Wasser sucht:
Meines Sohnes Sinn
geht zum Sterben hin.
Hinter ihm das Gleis.
Frierend fährt’s wie Eis
über seinen Leib.
Doch zum Zeitvertreib
kam er nicht hierher;
er will - auch wenn’s schwer -
durch den Tod ins Licht;
leben will er nicht.
Für ihn ist es aus
in des Vaters Haus.
Ob er nun im Fluss
find’t des Lebens Schluss,
ob der letzte G’sang
auf dem Schienenstrang…
Er erwägt’s in sich.
Sohn, entscheide dich!
Er blickt auf den Rhein,
der ihm raubt das Sein,
wenn er dieses kürzt
und sich in ihn stürzt.
Und er springt ins Nichts,
schrecklich, angesichts
seiner Jugend schön.
Seine Haare weh’n
in dem kühlen Wind.
Hier stürzt es, mein Kind!
Ja, es fällt und fällt.
In der Ferne gellt
schon des Zuges Schrei,
morgens um halb drei.
Wellen tragen ihn
durch die Länder hin;
er treibt selig, tot
hin ins Morgenrot,
findet dort sein Glück
und ich bleib‘ zurück. –
Hatte einen Sohn,
dieser ging davon,
seine Hüfte zuckt
auf dem Viadukt…

2010 ©